Was ein bisschen pathetisch nach einem Boxkampf klingt, sollte in erster Linie eine Veranschaulichung zweier Grundprinzipien sein, die sich eigentlich einander widersprechen, doch in der heutigen Schachstrategie muss man beide Prinzipien kennen, um Stellungen korrekt beurteilen und spielen zu können. Wie der Titel bereits verrät, hat Nimzowitsch das eine Prinzip verfochten, Réti das andere. Recht haben beide behalten, denn heute hat man erkannt, dass es von der konkreten Position abhängt, welches Prinzip zur Anwendung kommt.
Ich werde zuerst anhand eines einfachen Beispiels die beiden Ideen erläutern. Auf der Website sind dann zwei Partiebeispiele zu finden, in denen je eine der beiden Ideen umgesetzt wird
Gehen wir einmal von den beiden Eröffnungszügen 1.Sf3 d5 aus. Welche Eröffnungsstrategie soll nun Weiss verfolgen? Was sagen unsere beiden Herren dazu?
Nimzowitsch:"Der Zug d7-d5 hat bereits eine kleine Schwäche im Zentrum verursacht: das Feld e5. Es muss daher die hauptsächliche Absicht von Weiss sein, dieses Feld zu kontrollieren und zu besetzen."
So ungefähr dürfte Nimzowitsch geantwortet haben und er hat seine Ansicht in seinen Partien auch umgesetzt, indem er öfters mit b2-b3 und Lc1-b2 fortsetzte und den Punkt e5 unter Kontrolle nahm. Nimzowitschs Prinzip orientiert sich also an den Schwächen der gegnerischen Stellung, die von den eigenen Figuren belagert oder besetzt werden. Wir wissen von seinen anderen Eröffnungsideen her –Nimzoindisch und Französische Verteidigung-, dass er sogar bereit war, auf den Vorteil des Läuferpaars zu verzichten, um dem Gegner schwache Felder anzuhängen, auf denen er dann sein Spiel aufbaute.
Doch nun zu Herrn Réti: "Mit dem Zug d7-d5 hat Schwarz ein Feld im Zentrum besetzt und dort eine starke Position aufgebaut. Weiss muss daher alles daran setzen, diese Stärke anzugreifen und zu belagern, bis sie eine Schwäche ist und erobert wird, wonach die Stellung des Gegners auseinander fällt."
Auch Réti war konsequent in der Umsetzung seiner Ideen, was der Schachtheorie die „Réti-Eröffnung“ beschert hat: 1.Sf3 d5 2.c4 nebst g2-g3 und Lf1-g2 mit Angriff auf d5. Rétis Prinzip orientiert sich an den Stärken der gegnerischen Stellung, die dauerhaft unter Beschuss genommen werden, bis sie keine Stärken mehr sind.
| Nimzovitsch-Prinzip |
| Schwarz am Zug. |
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| Weiss steht schlechter, da sein Koenig etwas luftig steht, die Figuren kaum harmonieren und Schwarz im Zentrum gutes Spiel hat. Doch wie geht man vor? Nach Reti muesste man die Staerke des Gegners attackieren: das Bollwerk d4-e5, und folgerichtig ist f7-f6 durchzusetzen. Nach Nimzowitsch muss Schwarz nun versuchen, auf den geschwaechten weissen Feldern im Zentrum ein Figurenspiel aufzuziehen. Rein strategisch muss man beide Moeglichkeiten in Betracht ziehen, doch Retis Methode hat gewichtigen Nachteil, dass der eigene Koenig arg geschwaecht wird, was dem Weissen Gegenspiel verspricht. Deshalb sollte man hier die Anweisung Nimzowitschs zu Herzen nehmen. Und welcher Zug dient diesen am besten? |
| 1...a5!! |
| , wonach der schwarze Springer den wichtigen Stuetzpunkt b4 erhaelt, von wo er auf die Felder d5,c2, d3 gelangen kann. |
| Reti-Prinzip | ||||||
| Schwarz am Zug. | ||||||
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| Schwarz hat sicher mehrere gute Plaene, die er in dieser Stellung angehen koennte. Doch er hat sich in der Partie entschieden, a la Reti vorzugehen: die "Staerke" der Festung des weissen Koenigs ist der Bauer g3, der die g-Linie verstopft. Dieser wird nun unter Dauerbeschuss genommen, bis auf g3 ein vereinzelter Bauer uebrigbleibt. | ||||||
| 1...h5 2.La3 Da6 [Schwarz will seinem Springer das Feld d6 erhalten.] 3.a5 h4 4.Lc5 hxg3 5.hxg3 Sd6 6.Sd2 f5! | ||||||
| [Die naechste Angriffswelle.] 7.Lxd6 [Sonst setzt sich der Springer auf e4 fest und drueckt gegen g3.] | ||||||
7...Dxd6 8.a6?! b6 9.Df3?!
| [Die Drohung Sc4 ist etwas zu plump.] [¹9.f4; 9.Sf3; 9.Sxc4? dxc4 10.Df3 Tdg8!]
| 9...Dc7! 10.Teb1 f4
| [Der weisse Angriffsversuch am Damenfluegel ist blockiert, daher wird das eigene Geschaeft vorangetrieben.]
| 11.Tb4 fxg3 12.fxg3 | [Eh voila! Ziel erreicht!] 12...Tdf8 13.De3 Se7! [Die letzte und entscheidende Angriffswelle. Schwarz hat nun eine Gewinnstellung.]
| 14.Tf1 Sf5 15.Df4 Dxf4 16.Txf4 | [16.gxf4 Thg8 (16...Se3) ] 16...Sxg3 17.Txf8+ Txf8 18.Lf3 Kc7 19.Kg2 Sf5 20.Kf2 b5 21.Tb1 Kb6 22.Ta1 Lc8 23.Sf1 e5 24.dxe5 Sh4 25.Sh2 Sxf3 26.Sxf3 Lg4 27.Kg3 Lxf3 28.Tf1 Kxa6 29.Txf3 Txf3+ 30.Kxf3 Kb6 31.Kf4 Kc7 32.Kf5 Kd7 0-1 |
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